Kälte, Schmerzen, Glückshormone

Tierarzt Dr. Ernest Hartl spricht über das Eisschwimmen und gibt Tipps für Neulinge

Stand 16.11.2020

Mit einem Lächeln im Gesicht steigt Dr. Ernest Hartl aus dem neun Grad kalten Wasser an der Winterbadestelle des Wöhrsees. Bei den ersten Versuchen vor sieben Jahren sah das noch anders aus. −Foto: Brand
Mit einem Lächeln im Gesicht steigt Dr. Ernest Hartl aus dem neun Grad kalten Wasser an der Winterbadestelle des Wöhrsees. Bei den ersten Versuchen vor sieben Jahren sah das noch anders aus. −Foto: Brand

Burghausen. Schnappatmung, stechende Schmerzen in Zehen und Waden – so beschreibt Dr. Ernest Hartl das Gefühl, das er hatte, als er zum ersten Mal ins eiskalte Wasser stieg. „Der ganze Körper rebelliert.“ Aber immerhin: Danach konnte er stolz sein.

Das Eisschwimmen hat Hartl zum ersten Mal vor sieben Jahren ausprobiert. Profi Christof Wandratsch brachte ihn dazu. „Ich war auf der Suche nach etwas Extremen“, sagt der 52-Jährige aus Ranshofen. Wandratsch habe ihm von der Eisschwimm-WM in Finnland erzählt. Im Oktober 2013 trafen sich die beiden zum ersten Training am zehn Grad kalten Wöhrsee. „Ich war damals kaum fähig in 13 Grad kaltes Wasser zu gehen“, erinnert sich Hartl. Aber er hat weitergemacht und sich jedes Mal wieder überwunden.

Bei seiner ersten Weltmeisterschaft in Finnland ging Hartl 2014 in einer Winterbadestätte schwimmen. −Foto: privat
Bei seiner ersten Weltmeisterschaft in Finnland ging Hartl 2014 in einer Winterbadestätte schwimmen. −Foto: privat

Dreifache Teilnahme an der Eisschwimm-WMWeil er durch seinen Beruf als selbstständiger Tierarzt zeitlich sehr eingespannt war, konnte er nur unregelmäßig mittrainieren. Und doch hat es gereicht. In den folgenden Jahren nahm Ernest Hartl drei Mal an der Weltmeisterschaft im Eisschwimmen teil: 2014 in Rovaniemi (Finnland), 2016 in Tjumen (Russland) und 2018 in Tallinn (Estland). Für die Top Ten hat es bei der WM in seiner Altersklasse nicht gereicht. Zwei Mal war er bei den deutschen Eisschwimmmeisterschaften in Burghausen und mehrmals bei den Stadtmeisterschaften dabei.

Seit vier Jahren ist der Sportler mit siebenbürgisch-ungarischen Wurzeln aktives Mitglied des Vereins SerWus Burghausen und greift Trainer Stefan Hetzer bei medizinischen Aufgaben unter die Arme. Dass er als Tierarzt das Amt übernommen hat, werde manchmal belächelt, aber er betont: „Ich habe Erfahrung , ich kann reinspringen, Menschen vor dem Ertrinken retten und mit der Kälte umgehen.“

Bei größeren Terminen wie dem 1000-Meter-Eisschwimmen oder der Eismeile, sichert sich der Verein zusätzlich mit der Wasserwacht und Kardiologen ab. Außerdem müssen alle Schwimmer vor einem Wettkampf ein frisches EKG vorlegen, erklärt Stefan Hetzer, Vereinsvorsitzender und Trainer.

Unter fünf Grad müsse die Wassertemperatur bei Wettkämpfen liegen, damit man von Eisschwimmen sprechen dürfe. „Es ist und bleibt gefährlich“, warnt Hartl, Vater eines Sohnes, angesichts solcher Temperaturen. Wird das Eisschwimmen unterschätzt, könne das bis zum Herzinfarkt und Tod führen. Deshalb sei es für Unerfahrene auch am besten, das Eisschwimmen unter professioneller Anleitung auszuprobieren, etwa von Stefan Hetzer oder anderen erfahrenen Mitgliedern.

Mentale Vorbereitung ist Hartl zufolge besonders wichtig. Ganz nach dem Motto: „Es ist kalt, es wird wehtun, aber ich will das jetzt.“ Der langjährige Eisschwimmer gibt noch einen Tipp: Nicht lange zögern, sondern zügig ins Wasser gehen.

Bei Schnappatmung sollten Neulinge versuchen, kontrolliert zu atmen und erst dann loszuschwimmen, wenn sich die Atmung normalisiert hat. Anfänger sollten dabei zunächst am Ufer entlang schwimmen, damit sie sich jederzeit festhalten und rausziehen können. Ganz wichtig: Immer auf den eigenen Körper hören und die Distanzen anpassen. „Lieber 25 Meter sauber schwimmen, als gequälte 50 Meter, die keinen Spaß mehr machen“, sagt Hartl. Von der Aussage „25 Meter schafft jeder“, distanziert er sich, weil es auf das individuelle Empfinden ankomme. Sich nach dem Eisschwimmen durch andere Sportarten wie Joggen aufzuwärmen, davon rät der 52-Jährige ab, weil sich der Körper von selbst wieder reguliere und regulieren müsse – andernfalls könne man die Kontrolle verlieren und umfallen.

Grundsätzlich sieht er regelmäßiges Eisschwimmen als etwas Positives für Körper und Psyche: Das Immunsystem werde gestärkt, Glückshormone ausgeschüttet. Viele würden mit einem Lächeln aus dem kalten Wasser steigen, erzählt Hartl, weil sie etwas geschafft haben, was nicht alle schaffen. Eine gute Vorbereitung auf das Eisschwimmen sei regelmäßiges Wechselduschen: Dazu das kalte Wasser zuerst länger über den Brust- und Schulterbereich, dann über den Rücken laufen lassen.

Jetzt will er durch den Ärmelkanal schwimmenErnest Hartl bereitet sich derzeit für sein nächstes Herzensprojekt vor: Er möchte zwischen August und September 2021 den Ärmelkanal durchqueren. Dafür muss er auf eine Distanz von 40 bis 50 Kilometer trainieren, das Ganze bei Wassertemperaturen von 14 bis 16 Grad – für einen waren Eisschwimmer fast schon warm also.

Wer sich selbst einmal am Eisschwimmen ausprobieren möchte, kann sich bei Trainer Stefan Hetzer melden, Kontaktmöglichkeiten gibt es über www.serwusburghausen.de.

(c) Passauer Neue Presse Lisa Brand

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