Bei über 1000 Metern wird’s richtig hart

An die Grenzen zu gehen, das war am Wochenende bei der Eisschwimm-Meisterschaft angesagt

20.01.2020 | Stand 20.01.2020, 02:05 Uhr

Starke Ergebnisse zeigte das Burghauser Serwus-Team, darunter Julia Wittig (M.), die gleich mehrere Kategorien für sich entschied.
Starke Ergebnisse zeigte das Burghauser Serwus-Team, darunter Julia Wittig (M.), die gleich mehrere Kategorien für sich entschied.

Burghausen. Kurz vor Schluss zeigt sich Anspannung in den Gesichtern von Trainern und Helfern. Besorgte Blicke richten sich auf Peter Plavec, dessen Bewegungen im Wasser zunehmend lethargisch werden. Abbrechen oder nicht, wird diskutiert. Eine Frage, der bei der 3. Eisschwimm-Meisterschaft am Wochenende mitunter größerer Bedeutung zukam als die nach den Siegern.

Wer Gewinner ist und wer nicht, dass wird bei Wassertemperaturen um die drei Grad Celsius nur der Form halber mittels Stoppuhr entschieden. Vielmehr ist es der Kampf gegen den inneren Schweinehund, der entscheidet. Jeder der durchhält, sei Gewinner, sagen Chef-Organisator Stefan Hetzer und sein Team.

Nirgendwo sonst kommt dem Durchhalten eine solche Bedeutung zu wie beim Höhepunkt: der Eismeile. Über 1600 Meter gilt es zu absolvieren. 1,6 Kilometer im eisigen Wöhrseewasser, bei Temperaturen, die Ungeübten schon nach einem Bruchteil das Leben kosten würden.

Durchhalten, auch wenn der Körper kaum noch will, das war insbesondere bei der Eismeile am Sonntag gefragt. In gut 34 Minuten legte Philipp Tiefenbrunn die mehr als 1600 Meter zurück. −Fotos: Kleiner
Durchhalten, auch wenn der Körper kaum noch will, das war insbesondere bei der Eismeile am Sonntag gefragt. In gut 34 Minuten legte Philipp Tiefenbrunn die mehr als 1600 Meter zurück. −Fotos: Kleiner

Dass die Meile selbst den „Profis“ alles abverlangt, wird spätestens nach gut der halben Strecke deutlich. „1000 Meter, das haben hier viele schon trainiert“, weiß Stefan Hetzer. Doch alles darüber hinaus sei wirklich hart. Der auf Zentralisierung geeichte Kreislauf, die kaum noch zu spürenden Gliedmaße, dazu der immer drängendere Wunsch, es sein zu lassen, einfach aufzuhören. Der schmale Grat zwischen normaler Erschöpfung und kältebedingtem Zusammenbruch ist schnell übersehen, das wissen sie hier. Entsprechend stehen Wasserwachtler bereit, um im Notfall sofort einzugreifen.

Zumindest gut gemeint: Bei nur etwas mehr als drei Grad Wassertemperatur dürfte der Wärmeeffekt der Mütze gering ausfallen...
Zumindest gut gemeint: Bei nur etwas mehr als drei Grad Wassertemperatur dürfte der Wärmeeffekt der Mütze gering ausfallen…

Ins Wasser müssen die Retter nicht. Trotz rund 100 Teilnehmern und knapp 200 Einzelstarts übers Wochenende verteilt, läuft alles problemlos. „Könnte kaum besser sein“, freut sich Stefan Hetzer mit Blick auf die deutlich besseren Zahlen als im vergangenen Jahr, sei es bei Teilnehmern oder auch Helfern. Selbst mit dem vom Regenwetter nicht gerade begünstigten Zuschauerzahlen ist er mehr als zufrieden.

Gerade die gesundheitlichen Aspekte überlassen Hetzer und sein Team dabei nicht dem Zufall. Die Athleten der Eismeile müssen sich vorab einem medizinischen Check unterziehen. Und auch alle sonstigen Aspiranten werden genau begutachtet. Wer – vor allem mental – unvorbereitet an den Start gehen will, werde nicht zugelassen, sagt er.

Wenige Minuten zuvor legte Plavec unter dem Beifall der Zuschauer die letzten Meter der Eismeile zurück.
Wenige Minuten zuvor legte Plavec unter dem Beifall der Zuschauer die letzten Meter der Eismeile zurück.

Die mentale Vorbereitung ist es auch, die am Sonntag den Slowaken Peter Plavec durchhalten lässt. Wie vor ihm Philipp Tiefenbrunn und Claudia Müller bringt er die letzten Bahnen des ersten Eismeile-Starts hinter sich. Draußen nehmen ihn Betreuer und Wasserwacht in Empfang. Nur aufgestützt sind einige Schritte möglich. Es dauert, bis ein Lächeln auf den zitternden Gesichtszügen zu erkennen ist. Dass seine nicht minder bibbernden Mitschwimmer die Strecke schneller absolviert haben als er, interessiert niemanden. Schließlich haben Plavec und die anderen Eisschwimmer den wichtigsten Wettbewerb klar gewonnen: den gegen sich selbst. − ckl

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